Zeit und Ewigkeit

Liebe Gemeinde,

wenn man Menschen fragt, was sie sich wünschen, steht eine Sache an aller erster Stelle: Mehr Zeit. Mehr Zeit – das hatten zumindest die Eiershäuserinnen und Eiershäuser, die in ihrem Tagesablauf auf die Kirchenuhr gucken.

Sogar unendlich viel Zeit, fast schon eine Ewigkeit. Denn im Sommer fehlten der Kirchenuhr für ein paar Tage die Zeiger und das Ziffernblatt, bevor sie wieder frisch saniert strahlen konnten. Welches schönere Bild kann es für die Ewigkeit geben, als eine Uhr, der mit Zeiger und Ziffernblatt ihre Hauptmerkmale fehlen?

Dabei ist das Zeitgefühl etwas zutiefst subjektives. Es gibt Tage und Zeiten im Leben, da fliegt die Zeit nur so an einem vorbei und man hat das Gefühl, die 24 Stunden, die jeder und jedem von uns zur Verfügung stehen, können unmöglich reichen, um all das zu schaffen, was an Aufgaben und Erwartungen auf uns einprasselt.

Oder auch Zeiten, von denen man gar nicht möchte, dass sie vorbei gehen, weil sie einfach so schön sind, dass man sie für immer festhalten will, auch wenn es nur ganz kurze Momente sind.

Und dann gibt es Zeiten, in denen genau dieselben 24 Stunden unendlich scheinen, weil sie schlicht und einfach nicht vorbei gehen wollen. In dem einen Fall wünschen wir uns Ewigkeit- im anderen wünschen wir uns, dass diese Ewigkeit doch nur schnell vorbei gehen möge.

Und dann gibt es noch dieses ganz andere Zeitgefühl, das der englisch-amerikanische Schriftsteller Wystan Hugh Auden (1907-1973) folgendermaßen beschrieben hat:

Anhalten alle Uhren, Telefon abstellen,
der Hund mit seinem leckeren Knochen soll nicht bellen;
keine Klaviere jetzt; lasst dumpf die Trommel rühren,
den Sarg heraus zu begleiten, die Trauergäste zu führen.

Über unseren Köpfen sollen Flugzeuge kreisen und klagen
Und in den Himmel die Botschaft eintragen: Er ist tot.
Den städtischen Tauben legt einen Flor um den weißen Kragen,
die Verkehrspolizisten laßt schwarze Handschuhe tragen.

Er war mein Norden, mein Süden, mein Ost und mein West,
meine Arbeitswoche, mein Sonntagsfest,
mein Mittag, meine Mitternacht, mein Gespräch, mein Gesang
ich meinte, die Liebe daure ein Leben; das war falsch.

Die Sterne braucht es jetzt nicht: löscht das Licht ihnen allen;
den Mond packt ein und die Sonne lasst fallen;
Gießt den Ozean aus und den Wald reißt ein:
Von jetzt an kann nichts mehr von Gutem sein.

Es ist das ganz eigene und seltsame Zeitgefühl nach dem Verlust eines geliebten Menschen, das W.H. Auden hier beschreibt. Viele von Ihnen werden dieses Gefühl kennen. Vor allem die Angehörigen der Menschen, deren Namen in der aktuellen Ausgabe unseres Gemeindebriefs genannt sind, weil wir an sie dieses Jahr am Ewigkeitssonntag ganz besonders denken wollen. Es ist das Gefühl eines endlos scheinenden Schmerzes. Einer Trauer, in die nichts von außen hereinbrechen kann, um sie zu durchdringen. Einer Hoffnungslosigkeit, die kein Licht zulassen will, nicht mal die weißen Kragen der Tauben oder das Licht der Sterne. Ein Schweigen und eine dumpfe Stille. Wenn man trauert scheint all das ebenfalls eine Ewigkeit zu dauern.

Dieses Bild, das W.H. Auden hier mit seinen Worten entstehen lässt, trifft meiner Meinung nach diese besonderen und eigenartigen Gefühle der Trauer sehr gut. Dennoch sind sie für mich eine Momentaufnahme und ich möchte diesem Bild zwei weitere Bilder zur Seite stellen. Denn wenn im Christentum von der Ewigkeit die Rede ist, werden auch immer Bilder verwendet. Da ist einmal die Stelle im Johannesevangelium in Kapitel 14, in der Jesus von dem Haus Gottes erzählt, in dem viele Wohnungen sind, die in Gottes Ewigkeit auf uns warten. Und da ist das Bild aus der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch in der Bibel, in Kapitel 21. Dort wird das neue Jerusalem beschrieben und vor allen Dingen ein Gott, der sich den Menschen zuwendet und sie tröstet, indem er ihre Tränen trocknet. Beide Bilder lassen das Gefühl der Trauer nicht verschwinden. Aber sie können Hoffnung und Trost bringen, wo es hoffnungslos und dunkel scheint. Denn Gott verspricht uns allen einen Platz in seiner Ewigkeit.

Ihre Pfarrvikarin
Andrea Deminski (März 2015)